Frankfurter Rundschau vom 11. März 2004

 

Kreativer Wandler zwischen den Welten

Als Messebaudesigner arbeitet er der Werbung zu, in seiner abstrakten Kunst rechnet er mit ihr ab

Von Detlef Sundermann

 

Jürgen Hanisch ist ein Wandler zwischen zwei Welten. Die eine ist die schöne, heile und friedliche, die er zunächst in Schaufenstern aufbaute und später in Messehallen konzipiert. Als Messebaudesigner entwirft Hanisch Strukturen für eine Traumfabrik, in der alles geglättet ist, in der keine chaotischen Muster herrschen. Die andere ist seine Kunst, die bislang neben dem Brotberuf einen relativ schmalen Streifen in seinem Leben einnahm. Er will sie als eine Antibühne der Oberflächlichkeit verstanden wissen.

Flächiges Motiv
Die Vergänglichkeit ist ein großes Sujet bei Hanisch, das in seinen abstrakten Gemälden oft wie verblassende Erinnerungen dargestellt werden. Der gebürtige Reichenberger (einst Böhmen), der seit 1949 in Frankfurt lebt, verbindet hierzu wie auch bei anderen Themen oft die Collagetechnik mit der Malerei, indem er etwa Briefe, Zeitungsausschnitte oder Spielkarten mehr oder weniger dick mit Farbe überstreicht. Fast immer ist es ein dunkler und gedämpfter Farbton. Die erdenfarbende Skala der Palette scheint er besonders zu mögen. Ein andere Art, das Vergängliche darzustellen besteht in aufbrechenden Stellen auf der Leinwand, als kündige sich der Durchbruch eines Maulwurfs oder Vulkans an. Vergangenheit ist bei Hanisch auch mit Zerfall und Zerstörung verbunden. Ein weiterer thematischer Strang in seiner künstlerischen Kreativität lautet Leben und Schicksal. Hierzu steht die Reihe Tarot, die Spielkarte als Metapher für das Leben, oder Variationen des Strategiespiels Tic-Tac-Toe: auf rötlichem Grund ein mit Kreide aufgemaltes Spielfeld. "Wer den ersten Zug hat und den Stein an den richtigen Stellen zu setzen weiß, gewint immer", erzählt er von der immanenten Lebensweisheit in diesem Gemälde. In seinen mehr von Oberflächenstrukturen denn von gemalten gegenständlichen Detail geprägten Arbeiten ist vereinzelt auch Gesellschaftskritik herauszulesen, so bei "In God We Trust" durch dessen Farbschichten US-Dollar-Noten durchschimmern, oder "Letter to Daschle", in Anspielung auf den US-amerikanischen Senator Tom Daschle. Dem Bildtitel kommt eine doppelte Bedeutung zu. Daschle war nach dem 11.September einer von vielen Empfängern, die einen antrax-verseuchten Brief anonym zugesandt bekamen. Der Demokrat wurde zu dem Jahre zuvor massenhaft mit Begnadigungsschreiben für den Native American Leonhard Peltier eingedeckt, der mutmaßlich unschuldig zu lebenslanger Haft wegen Mordes verurteilt worden war.

Jürgen Hanisch versucht aber auch mit flächigen Motiven, den Betrachter ohne Botschaft in den Bann seiner Bilder zu ziehen und die Fantasie anlaufen zu lassen, etwa bei den Bildern "Strukturen I bis III". Der Messebaudesigner hat bereits in seinen Kindertagen mit dem Malen angefangen. Paul Klee war eines seiner Vorbilder. Hanisch leitete jedoch als Jugendlicher seine Kreativität auf zwei Gleise. Er begann eine Dekorationslehre und bildete sich künstlerisch mit Kursen an der Waldorfschule für Malen und Zeichnen. Hier übte er sich bereits in der nicht -gegenständlichen Malerei. Später kamen Gastbesuche in der Werkkunstschule Offenbach und im Frankfurter Städel, wo er Grafik und Fotografie belegte. Ikonenmalerei und Aquarelllandschaften bestimmten zeitweilig sein Schaffen. "In den letzten vier Jahren habe ich meine Einstellung zur freien Kunst grundlegend geändert", erklärt Hanisch den Wandel zum Abstrakten und hin zu einer stringentenkünstlerischen Linie.